„Suchst du noch?“

Häufig bekomme ich einfach nur die Frage gestellt.

„Suchst du noch?“

Nicht mehr und nicht weniger. Meistens auf Seiten, auf denen man Kontaktanzeigen schalten kann. Ganz klassisch. Ziemlich für die Tonne inzwischen, weil dort tatsächlich eher Leute vertreten sind, für die das Internet noch Neuland“ ist. Ältere Männer, die bereits seit 30 Jahren oder länger verheiratet sind und mit der Partnersuche online nichts am Hut haben. Dann sind sie plötzlich auf Geschäftsreise oder die Frau ist mit ihren Mädels im Urlaub und der Herr hat auf einmal Zeit. Dann öffnet er den Internet Explorer und gibt „Sex Dates“ ein und Seiten wie markt.de, quoka und co tauchen in der Suchliste auf.

Dort sind überall Anzeigen zu finden von willigen Frauen, die sich knapp bekleidet zeigen und dem Mann eine wundervolle Zeit versprechen. Der Mann denkt sich „geil. Die sucht einen geilen Stecher. So wie mich. Frag sie mal, ob sie immer noch sucht“ und dann kommt das dabei raus.

Dass die Frauen verdächtigerweise nicht mal halb so alt sind wie er und 10 Mal so gut aussehen, macht ihn nicht stutzig. Der denkt inzwischen nur noch an die geile Zeit. Wahrscheinlich hat er auch nur die ersten zwei Sätze des Profiltextes gelesen und weiß bis jetzt auch noch gar nicht, dass sie dafür Geld nimmt. Schließlich ist die Rechnung doch einfach: Wenn sie geil ist und Sex will, kann er ja zu ihr kommen und ihr das geben, was sie braucht.

Dass eine Frau in den 20ern Apps wie tinder und co bemüht, wo sie anhand von Bildern nach einem passenden Partner für eine Nacht Ausschau halten kann, weiß er natürlich nicht. Seine Frau hat er damals auf dem Schützenfest kennengelernt. Daher reagiert er auch mit einem empörten „aber ich bezahle doch nicht für Sex!“, wenn die Frau ihm ihre Preise nennt.

„Ich finanziere ja schließlich deine Wohnung mit“

Wenn man als Escort unterwegs ist, bleiben die Anfragen von „Sugardaddys“ eigentlich nicht aus. Ist ja auch recht bequem für beide Seiten. Der Mann, der Zuhause entweder eine Frau hat, die seit Jahren keinen Sex mehr will oder der so beschäftigt ist, dass er keine Zeit für eine feste Partnerin findet, bezahlt monatlich einen Betrag, um dann mehrmals in der Woche Sex zu bekommen.

Die Frau bzw. das Sugarbabe bekommt monatlich einen sicheren Betrag und trifft sich im Gegenzug ein paar Mal für wenige Stunden zum Sex. Vor allem für junge Frauen, die „nicht wirklich“ in die Sexarbeit einsteigen wollen, sondern sich neben dem Studium die eine oder andere Designertasche mehr gönnen möchten, ideal. Man hat nur den einen Mann, kann sich auf seine Uni konzentrieren, ohne sich darum sorgen zu machen, wo das restliche Geld für den Monat herkommt und muss sich nicht ständig mit fremden Männern treffen und damit Gefahr laufen, dass unter ihnen ein Serienmörder bei ist.

Aber unabhängige Escorts lachen häufig über die Vorstellungen von Sugardaddys, die nicht selten fernab jeglicher Realität sind.

Auch bei mir trudelte vor ein paar Wochen ein solches Angebot ein. Jörg, Ende 40, Anwalt, natürlich verheiratet und mit Familie Zuhause sucht eine jüngere Frau, die ein paar seiner Vorlieben teilt. Studiert sollte sie sein, damit er zwischen dem Sex auch mit ihr reden kann und sich nicht ganz so blöd fühlt, wenn er nach dem Geschäftstermin mal eben schnell bei ihr reinschneit. Diskret sollte es sein. Familie, Freunde und Beruf werden komplett rausgelassen. Trotzdem soll es vertraut sein. Vertraut bedeutet in seinem Fall, dass er meinen echten Namen wissen will und was ich studiert habe und wo mein nächster Urlaub hingeht, was ich am Wochenende gemacht habe und keine Ahnung was noch. Vertraut bedeutet auch, dass ich ihn zu mir nach Hause einlade. In die WG. Bei ihm geht es ja schließlich nicht. Da ist die Familie. Und die lassen wir raus. Dass meine WG in meinem Fall die Familie ersetzt und damit bei diesem Abkommen auch nicht mit reingezogen werden sollte (seine Worte), vergisst er natürlich sofort, als ich ihm schreibe, dass wir für jedes Treffen ein Hotelzimmer brauchen.

„Nein. Ich erwarte schon, dass ich dich Zuhause besuchen kann. Schließlich finanziere ich ja deine Wohnung mit. Wenn ich jedes Mal ein Hotelzimmer buchen muss, dann wäre das ja am Ende doppelt so teuer“ Ach ja … finanziell hat er sich so um die 1200 Euro im Monat vorgestellt. Dafür erwartet er 2-3 Treffen in der Woche, die mal länger, mal kürzer ausfallen können. Hin und wieder gibt es längere Treffen in einem schönen Hotel. Aber das muss ja nicht immer sein. Das soll ja was Besonderes bleiben.

Und weil ich dann sein Sugarbabe bin, soll ich keine anderen Männer mehr treffen. Schließlich ist er seit Jahren verheiratet und weiß gar nicht mehr, wie so ein Kondom aussieht. Da läuft alles seit Jahren ohne Verhütung. Zumindest für ihn. Was die Frau sich für Hormone für ihn reinpfeift, ist ihm egal. Hauptsache kein störendes Tütchen benutzen. Und weil er das bei mir auch erwartet, dürfen da natürlich keine anderen Männer sein.

Dass ich privat vielleicht sogar auch hin und wieder wen treffe oder sogar in einer Beziehung bin, kann er sich nicht vorstellen. Auch nicht, dass ich gar nicht hormonell verhüte und das nicht ändern werde. Schließlich bin ich doch sein Sugarbabe. Sein vertrautes Sugarbabe, von dem er alles weiß und alles verlangen kann für 1200 Euro im Monat. Ist doch schließlich viel für 2-3 Mal Sex in der Woche und sonst nur Freizeit. Aber die sollte dann auch eher klein ausfallen. Nicht auszumalen, wenn ich mal unterwegs sein sollte und er gerne für einen Quicky vorbei kommen will.

1200 Euro verdiene ich für gewöhnlich an einem Wochenende mit 2-3 Treffen, die nicht in meiner Wohnung stattfinden.

Richtig gutes Angebot von Jörg, nicht wahr?!

Es ist ruhig geworden

Tatsächlich war es das ganze Jahr über ruhig. Normalerweise habe ich 2 bis 3 Dates pro Woche. Inzwischen liegt das letzte Date knapp 3 Monate zurück. Im Oktober. Als es noch möglich war. Dann kam der November, der irgendwie keine einzige sinnvolle Anfrage hervorbrachte und der Dezember und damit der erneute Lockdown und das Verbot Prostitution auszuüben. Manche machen es trotzdem. Bleiben weiterhin besuchbar. Ich war allerdings nie besuchbar und bin auf die Hotels angewiesen, die, wie im Frühjahr, keine Touristen beherbergen dürfen. Also bleibt es ruhig. Bei mir. In der ganzen Branche.

Es gibt natürlich Möglichkeiten. Telefonsex. Camsex. Sexchats. Ist allerdings alles nicht so meins. Am Telefon komme ich mir blöd vor. Beim Camsex habe ich Angst, dass man zu viel von mir erkennen könnte. Und Sexchats sind okay. Manchmal. Wenn ich Zeit habe und nicht doch zocken oder Serien gucken will. Es bleiben daher nur noch Bilder und Videos. Aber für Bilder fehlt mir der richtige Fotograf und außerdem sieht man dort zu viel und überhaupt fühle ich mich nicht wohl dabei 10 schlecht fotografierte Bilder für 20 Euro von mir zu verkaufen. Da sind Videos einfacher. Meine Videos machen Lust auf mehr. Sagt man zumindest. Mit Videos habe ich Erfahrung. Videos kann ich schneiden und kontrollieren, ob man nicht vielleicht doch mein Gesicht für eine Sekunde sieht. Ich kann Spielzeug einbauen und für Wunschvideos mehr Geld verlangen. Videos lohnen sich. Mit Videos kann man die Lust wecken. Auf ein Treffen. Nach dem Lockdown. Wenn es wieder möglich ist.

Ja. Videos sind super. Trotzdem folgen auf eine ernsthafte Anfrage nach einem Video mindestens fünf, die ungefähr so etwas beinhalten: „Ich bin an deinen Videos interessiert. Schickst du mir die per WhatsApp? Hier meine Nummer … Wie? Bezahlen? Ich soll dafür bezahlen? Im Internet gibt es die umsonst. Dann guck ich mir die doch lieber bei youporn an.“

Ja. Dann guck sie dir doch bei youporn an -.-

Du solltest das nicht machen. Du bist zu gut für so etwas

Diese Geschichte liegt schon ein paar Jahre zurück. Damals habe ich noch Kennenlern-Treffen gemacht. Weil ich dachte, dass man das halt so macht. Weil ich dachte, dass ich anders keine Kunden bekommen würde. Ja. Ich war ziemlich dumm. Und heute weiß ich es besser. Solche Treffen lohnen sich nicht. Niemals. Außer, sie finden zum regulären Stundenpreis statt. Oder man ist ein Highclass-Escort mit professionellem Web-Auftritt und Agentur dahinter, die für Dinner-Dates so viel nimmt, wie ich für normale Dates. Weil sie eben auch andere Ausgaben hat.

Auf jeden Fall bin ich verabredet. Mit Jakob. Jakob ist ein Mann Mitte oder Ende 30. Etwas klein. Etwas dick. Etwas unattraktiv, aber noch nicht so hässlich, dass er keine Frau finden würde. Er will mich erstmal kennenlernen, bevor wir uns dann so richtig treffen.

Jakob ist völlig geflasht von mir. So ein hübsches Mädchen. Ihm gegenüber am Tisch. Der Wahnsinn! Jakob fängt an, Fragen zu stellen. Warum ich das mache. Ich bin doch so hübsch. Ich finde doch auf anderen Wegen Männer. Ich muss dafür doch nicht ins Internet gehen. Allein hier wären doch schon zig Männer, die sich glücklich schätzen könnten, wenn sie mich als Freundin hätten.

Jakob hat nicht wirklich viel verstanden. Dass ich auch auf anderen Wegen Männern kennenlernen kann, weiß ich selber ganz genau. Dass das hier aber mein Job ist und ich Geld verdienen will, kann er sich nicht erklären. „Du bist doch so hübsch. Du musst das doch nicht machen.“ Was hat das eine, mit dem anderen zu tun? Wäre ich hässlich, könnte ich das doch nicht machen. Zumindest nicht so, wie ich es mache. Es gibt zwar immer noch genügend verzweifelte Männer, die selbst einer unattraktiven bzw. ungepflegten Frau Geld hinterher schmeißen, damit sie ihm einen bläst. Aber von diesen Männern nehme ich lieber Abstand, weil das meistens die Männer sind, die es möglichst billig haben wollen und der die Frau, die seinen Schwanz dann im Mund haben wird, egal ist. Meine Kunden verstehen, wieso ich das mache und fragen nicht nach. Sie können sich schon selber denken, dass ich das alles ganz freiwillig mache, weil ich eben Spaß dran habe und nicht, weil mir irgendwer im Nacken sitzt.

Jakob sitzt also gegenüber von mir und versteht nichts. Aber er will mich trotzdem mal nackt sehen und vereinbart ein Treffen für den nächsten Tag. Ich stimme zu. Denn manchmal geht Sicherheit vor Sympathie und bei ihm weiß ich ja, dass da kein aggressiver Psychopath hintersteckt. Zumindest kann ich das erahnen.

Wir verabschieden uns und am Abend habe ich die nächste Nachricht. Er will mich einladen. Zu sich nach Hause. Bzw. zu seinen Eltern. Die haben da nämlich eine Familienfeier und er will, dass ich dabei bin.

Nein Jakob. Ich bin viel zu hübsch, um deinen Eltern glaubwürdig vorspielen zu können, dass ich deine Freundin bin. Und du bist zu dumm.

wie ein echtes Date

Wenn ich (anonym) von meinem kleinen Nebenjob erzähle, dann werden andere Frauen immer hellhörig. Es klingt so spannend und sie wollen das auch unbedingt mal ausprobieren. Dabei haben sie dann immer eine ganz bestimmte Vorstellung von Typ Mann, der dann ihr Kunde ist. Attraktiv soll er sein. Nicht zu alt. Höchstens 40. Und gepflegt. Anzugträger. Und natürlich wohlhabend und großzügig. Er soll dann nur ganz normale Sachen mit ihr machen. Girlfriendsex. Vielleicht auch etwas dominanter. Wie Mr. Grey. Und dann soll er sie schick zum Essen ausführen. Sie in einem hübschen, schwarzen Kleid. Er im Anzug. Sie haben fabelhafte Gespräche, essen lecker, trinken einen Cocktail und Wein und gehen dann zu ihm ins Hotelzimmer, wo sie dann einen ONS wie im Buche stehen haben.

Mir gefällt die Vorstellung auch. Ich weiß aber, dass das nicht so häufig vorkommt. Meist sind es doch eher die einsamen, verlassenen Männer, die unbedingt mal wieder einen weiblichen Körper spüren möchten oder die gestressten Geschäftsmänner, die sich für 1 oder 2 Stunden eine Frau aufs Zimmer bestellen. Und wenn jemand Essen gehen will, dann ist der so alt und unattraktiv, dass man sich nicht in der Öffentlichkeit mit ihm zeigen will. Schließlich könnte man ja gesehen werden.

Aber dann gibt es da plötzlich Ausnahmen. Und man hat auf einmal eine wohl überlegte Anfrage im Postfach von einem attraktiven Mann Ende 30. Da er die Art Kunde ist, die man als Frau bevorzugt, hat er natürlich hohe Ansprüche. Er könnte jede haben und sucht sich nur das Beste raus. Da fühlt man sich schon ein wenig geschmeichelt, wenn man selbst dann die Beste ist. Er will das klassische Date. Essen gehen und dann ins Hotelzimmer. Ich sage zu, wir telefonieren und ich merke, das könnte gut klappen.

Und dann ist man plötzlich so nervös wie vor einem echten Date. Man steht eine halbe Stunde vorm Kleiderschrank und überlegt sich, was man anziehen soll. Fragt sogar Freundinnen. Man gibt sich besonders viel Mühe mit dem Make-Up und den Haaren und checkt kurz vorm Hotel nochmal die Optik. Und dann steht man vor ihm. Er lächelt und guckt dich an. Führt dich in sein Zimmer, damit du deine große Tasche für später abstellen kannst und ziehst vorsichtig deinen Mantel aus. Er sieht dich im Kleid und du hoffst, dass er dich nicht gleich wieder nach Hause schickt, weil du ihm doch nicht gefällst. Aber stattdessen lächelt er und sagt, dass du gut aussiehst. Wirklich gut. Dir fällt ein Stein vom Herzen und ziehst deinen Mantel wieder an, weil ihr jetzt losgeht in ein exklusives Restaurant. Vorher übergibt er dir einen Umschlag mit deinem Honorar. Die teuren Speisen und Cocktails leistest du dir selten, aber er sagt immer wieder, dass du dir bestellen darfst, was du willst. Ihr redet und weil sich das anfühlt wie ein echtes Date, erzählst du auch echte Details. Die anderen im Restaurant sind dir vollkommen egal. Selbst wenn dich jetzt eine deiner Freundinnen sehen könnte, wäre das nicht so schlimm. Schließlich sitzt du hier mit einem attraktiven Mann, der tatsächlich wirklich einfach nur ein Date sein könnte. Und dann fragt er nach der Rechnung. Ihr geht und du spürst dieses Kribbeln, weil du weißt, dass ihr gleich zu ihm gehen werdet, um dort Sex zu haben.

Und wenn alles vorbei ist und du wieder nach Hause gegangen bist und ihm mitgeteilt hast, dass du gut angekommen bist, bleiben da keine Erwartungen. Kein hoffnungsvoller Blick auf das Handy am Morgen, um zu kontrollieren, ob er dir geschrieben hat. Kein Herzschmerz, wenn er sich auch am Abend noch nicht gemeldet hat. Bloß das Geld, mit dem du den nächsten Urlaub oder das neue Auto finanzieren kannst.

„Ich bin eben laufen“

Aktuell bin ich bei meinen Eltern. Hier habe ich in den letzten Jahren ein paar Stammkunden angesammelt, die sich, sobald ich erstmal wieder weg bin, immer wieder schreiben, um zu fragen, wann ich wieder da bin. Ein seltsames Phänomen, was ich in letzter Zeit immer häufiger beobachten konnte. Wenn ich sage, dass ich in der Nähe bin, haben sie kein Interesse. Aber sobald ich weg bin, wollen sie mich treffen. Am besten sofort. Man will immer nur das, was man nicht bekommen kann.

Tom zählt inzwischen auch dazu. Früher haben wir nur geschrieben. Er hat Hunderte von Euro für Videos von mir ausgegeben und dann hat er sich endlich getraut und mich getroffen. Seitdem fragt Tom fast wöchentlich nach, wann ich wieder da bin. Jetzt bin ich wieder da und ein Treffen stand an.

Meine Eltern wohnen in einem Haus am Rande einer Kleinstadt. Um uns herum sind nur noch Felder und Wälder. Ich gehe täglich raus, um im Wald laufen zu gehen. Das kann man hier schließlich ganz gut. Sobald ich mir im Flur meine Schuhe anziehe, kommt meine Mutter neugierig aus dem Wohnzimmer angelaufen und will wissen, wohin ich gehe. „Ich gehe laufen“, ist dann meistens meine Antwort. Eine Antwort, mit der sie sich zufrieden gibt. Macht man halt. Sieht auch danach aus, wenn ich Sportsachen und Laufschuhe trage.

Tom schreibt mir, dass er unterwegs ist. In einer halben Stunde ist er da. Eigentlich wollten wir zu ihm fahren. Uneigentlich will er aber nicht den eigentlichen Preis zahlen, weil er knapp bei Kasse ist, daher habe ich eingewilligt, dass wir uns im Auto vergnügen. Das geht schnell zwischendurch und beansprucht nicht ganz so viel Zeit. Das ist in Ordnung. Hier auf dem Land kann man eh überall hin. Zu ihm hätten wir mindestens eine halbe Stunde gebraucht. Also gehe ich schnell duschen und mich rasieren. Nur um dann wieder meine Sportklamotten anzuziehen. Unauffällig etwas Make-Up auftragen, Augenbrauen nachziehen und das wars. Perfekter no Make-Up Look für die Eltern, die wissen wollen, wo man hingeht. „Ich geh laufen.“ Sieht man doch.

Ich schnüre meine Laufschuhe zu, habe die Taschen meiner Sportjacke mit Gleitgel und Kondomen vollgestopft und gehe los. Eine halbe Stunde bin ich zu Fuß unterwegs, als ich Tom in seinem Auto an der Straße stehen sehe. Ich öffne die Beifahrertür und steige ein. Er trägt einen grauen Hoodie und ebenfalls eine Sporthose. Tom ist eigentlich verheiratet. Anhand der Einkaufstüten und Schuhen, die im Auto liegen, kann ich mir vorstellen, wie sie aussieht. Klein und zierlich. Brünett oder blond. Kleines, graues Mäuschen, das in einer Bank arbeitet. So ziemlich genau das Gegenteil von mir. Aber es läuft nicht gut. Als wir auf der Rückbank sitzen, sucht Tom immer mehr Nähe. Will nicht nur die „geilen, versauten“ Sachen machen, die er in den Videos gesehen hat, sondern mich küssen, streicheln und lange umarmen.

Irgendwann sind wir fertig. Er fragt, was ich heute noch machen werde. „Laufen gehen.“ Auch wenn es gleich dunkel wird. „Und du?“ „Ich habe gesagt, ich gehe ins Gym.“

Ich wollte es mir nicht verscherzen

Es gibt da diese Kunden. Die, die denken, dass sie mit Geld alles kaufen könnten. Teure Autos, teure Uhren, Frauen. Die, die sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass der Kunde König ist. Die, die Escorts ohne ein Wort zu sagen, versetzen. Weil sie keinen Parkplatz gefunden haben. Weil die Ehefrau noch Butter vom Supermarkt brauchte. Weil der Kumpel angerufen hat und gerne Fußball gucken wollte. Da wird gar nicht daran gedacht, dass sich das Escort den Termin extra freigehalten hat und mindestens eine Stunde vor dem Treffen oder früher mit der Vorbereitung anfängt. Mit dem Rasieren, dem Schminken und dem Anziehen.

Da wird Wochen später einfach ein „sorry. Mir ist was dazwischen gekommen. Aber heute hätte ich Zeit. Du auch?“ geschrieben und gehofft, dass sie noch einmal anspringt. Schließlich hat er ja Geld und sie braucht das Geld. Und wenn die halt nicht will, dann sucht man sich schnell eine Neue. Gibt ja genug.

Und dann gibt es da die anderen Kunden. Die, die sich vorher sehr genau überlegen, wen sie buchen wollen. Die, die von einem Termin zum nächsten hetzen und zwischendurch trotzdem die Zeit finden, Bescheid zu sagen, dass es wenige Minuten später wird. Die, die sich aufrichtig dafür entschuldigen, wenn sie den Termin doch nicht einhalten können und sofort eine Alternative vorschlagen und eine kleine Entschädigung schicken. Die, die alles dafür tun, dass der Termin doch noch irgendwie zu Stande kommt, weil sie Angst haben, dass das Escort bei einer Absage nicht dazu bereit ist, ihn irgendwann doch treffen zu wollen.

Matthias gehört zum Glück zu letzterem. Matthias habe ich bereits ein paar Mal getroffen. Er hat sich lange Gedanken dazu gemacht, wie die Frau sein soll, mit der er ab und zu ein paar Stunden verbringt. Matthias hat ein gut laufendes Unternehmen und arbeitet rund um die Uhr. Immer wenn er in meiner Nähe ist, sagt er Bescheid. Er hat viel zu tun und wenig Zeit. Ein Treffen hat er trotzdem noch nie platzen lassen. „Ich wollte es mir nicht verscherzen“, hat er mir erklärt, als ich für eine knappe Stunde zu ihm ins Hotel komme. Den Aufpreis hat er gerne bezahlt. „Kriegen wir schon hin“, sagt er immer, wenn die Taxikosten mal höher ausfallen oder ich um 1 Uhr nicht mehr bereit bin, meinen normalen Stundensatz zu verlangen. Hauptsache wir sehen uns.

Letztens war es dann wieder so weit. Dank Corona gab es lange kein Treffen mehr. Jetzt ist er wieder öfters in meiner Gegend. Er hat morgens angefragt und eigentlich hatte ich für den Abend ein lockeres, privates Date ausgemacht. Aber vielleicht könnte ich ja beides irgendwie hinbekommen. Ich war fertig gemacht, bereit mich mit dem Mann zu treffen, der mir nur schrieb, dass er jetzt zuhause losgelaufen sei. In meine Richtung. Kein konkreter Treffpunkt, keine genaue Uhrzeit, wann ich da sein soll. So etwas hasse ich ja. Ich saß auf meinem Bett und habe gewartet. Darauf, dass er mir schreibt, wann er ungefähr da sein wird. Es kam keine Antwort. Nicht 5 Minuten später. Auch nicht 15 Minuten später. Ich war genervt und sauer. Schrieb ihm, dass mir das jetzt zu blöd wäre und er das vergessen könnte. Sofort hat er geantwortet. Er telefoniert gerade mit seiner Mutter. Ich habe weiter gewartet. Insgesamt eine Stunde saß ich auf heißen Kohlen, bis ich mich zurück in mein Bett gelegt habe, um meine Serie weiter zu gucken.

„Und wenn ich jetzt am Treffpunkt bin und auf dich warte?“, hat er mir geschrieben. „Dann hast du Pech gehabt. Ich kenne es so, dass man einen genauen Treffpunkt und eine genaue Uhrzeit ausmacht. Und mich nicht eine Stunde lang dumm rum sitzen lässt.“ Er schickt mir ein Foto von seinem enttäuschten Gesicht. Puh. Von seinem äußerst hübschen Gesicht. Aber ich muss stark bleiben. Matthias hat sich nämlich gemeldet. Er will mich schließlich unbedingt treffen und hat seine Geschäftstermine so gelegt, dass wir uns noch sehen können. Er nennt mir das Hotel, in das er gleich eincheckt und die Uhrzeit, in der ich da sein soll. Denn ohne ihn komme ich nicht zu den Zimmern. Das ist nämlich eins von den guten, teuren Hotels. Er wählt immer nur die schicken Sachen, wenn er irgendwo übernachtet. Also lasse ich den hübschen Kerl sitzen (mit dem ich btw eine Woche später ein gutes, erstes Date habe), setze mich ins Taxi und fahre zum Hotel. Matthias steht bereits da und beäugt mich kritisch. Er hat sein Gepäck an der Rezeption verstaut und gesagt, dass eine Mitarbeiterin von ihm gleich kommt, weil er noch Meetings auf seinem Zimmer hat. Corona und so. Er schaut auf meine nackten Beine. Ich trage ein knielanges Kleid mit flachen Lederboots. Ein geblümtes Kleid mit Lederjacke. Ich sehe weder nach hoch bezahltem Escort, noch nach Mitarbeiterin seines Unternehmens aus. Ich sehe eigentlich ziemlich normal aus. Das Kleid ist nicht mal eng. Scheint er auch so zu sehen und führt mich rein.

Er ist zufrieden mit dem Hotelzimmer und entschuldigt sich dafür, dass alles so stressig war. Er hat viel zu tun und muss noch viel arbeiten. Aber er wollte sich das mit mir auch nicht verscherzen. Guter Kunde. Sag ich doch. Er geht duschen, führt noch ein geschäftliches Telefonat, während ich auf dem weichen Bett sitze und warte. Bis er fertig ist. Wir verbringen knapp eine Stunde miteinander und ich ziehe mir gerade die Schuhe an, als das Hotelzimmertelefon klingelt. Er steht gerade im Badezimmer und erzählt mir nebenbei irgendwas. Über die Arbeit. Über seine Kunden. Keine Ahnung. „Das Telefon klingelt. Das Hoteltelefon!“, sage ich zum dritten Mal. Nun etwas lauter. Schnell setzt er seine Geschäftsmannstimme auf und geht dran. „Ja, Sie dürfen Frau xy nach oben schicken. Ich erwarte sie“, sagt er und kommt hektisch in meine Richtung. „Du musst jetzt wirklich gehen“, sagt er und kichert, weil er sich überhaupt nicht auf das Meeting vorbereitet hat. Schließlich hatte er ja etwas anderes zu tun. Ich werfe mir die Jacke über, bestelle mir über mein Handy ein Taxi und laufe schnell zum Aufzug, damit die Mitarbeiterin von ihm, die jetzt auf dem Weg ist, nicht mitbekommt, aus welchem Zimmer ich gerade komme. Ohne entdeckt zu werden, steige ich in den Fahrstuhl und komme im Erdgeschoss wieder auf. Eine Frau steht vor mir. Sie mustert mich kritisch. Starrt auf meine nackten Beine. Es ist Matthias Mitarbeiterin. Puh. Das war knapp.

Zufrieden fahre ich wieder nach Hause und widme mich dem hübschen Kerl, der mir weiterhin Fotos von seinem enttäuschten Gesicht schickt. Ist doch schließlich blöd, dass wir beide ohne kuscheln jetzt einschlafen müssen. Wenn der wüsste …

„Stehst du sonst eigentlich auf Frauen?“

„Stehst du sonst eigentlich auf Frauen?“, fragt mich Heiko.

Heiko. Ein Kunde, den ich nun zum 3. Mal besuche. Ein schwieriger Kunde. Gerade erst getrennt. Erzählt andauernd von seiner bösen Ex-Freundin, die ihm den „Sohnemann“ weggenommen hat und ganz weit weg gezogen ist. Heiko, der feilschen will, weil er es gerade doch so schwer hat. Wegen dem fehlenden Sohnemann und Corona. Heiko, der daher fragt, ob ich für das Geld, was eigentlich nur für 1,5 Stunden reicht, nicht auch für 2 Stunden bleiben kann. „Mal sehen, ob ich so lange schaffen. Aber ich gucke ja nie auf die Uhr“, sage ich dann immer, um den Kunden nicht zu verlieren. Zumindest, wenn es sonst recht unkompliziert ist. Und damit meine ich sicher.

Die 1,5 Stunden mit Heiko sind jedenfalls fast vorbei, ich liege schweißgebadet auf dem Bett. Heiko will gar nicht so viel. Hauptsächlich Handarbeit. Er bei mir. Beobachten und Toys verwenden. Mehr war nie abgemacht. Mehr kann er ja auch woanders bekommen. Schließlich hält Heiko sich für einen verdammt tollen Hengst. Warum da nicht mehr Frauen anspringen, fragt er sich, als er mir von seinen jüngsten Joyclub Erlebnissen erzählt. Weil du gar nicht so toll bist, wie du denkst, Heiko.

Und daher fragt er mich auch, ob ich sonst eigentlich auf Frauen stehen. Schließlich versuche ich keine Annäherungen bei ihm. Das hat mehrere Gründe:

1. war es nicht abgesprochen.

2. hat er nie danach gefragt bzw. es war nicht abgesprochen.

3. Heiko hat furchtbaren Mundgeruch und ist auch wirklich nicht der tollste oder Schönste.

Aber so weit kann Heiko nicht denken. Er hält sich schließlich für verdammt toll. Und die einzige Erklärung, warum sie bzw. ich nicht ununterbrochen nach seinem Schwanz greife, kann ja nur sein: Die steht gar nicht auf Männer. Die mag nur Frauen!

Ich stimme zu. Ja Heiko, du hast Recht. Ich verabschiede mich nach 1,5 Stunden. Heiko hat mich geschafft und ich kann keinen weiteren Orgasmus erleben bzw. vortäuschen. Ich lasse ihn im Wohnzimmer zurück, wo er sich weiterhin bemitleidet, über seinen Sohnemann erzählt und verlasse sein Haus. Für immer.

Heiko ist kein Kunde, den ich noch einmal treffen will.

Vergiss es

„Hallo, ich würde dich wirklich gerne treffen. Will das unbedingt mal ausprobieren. Mit meiner Freundin geht das nicht. Es würde aber nur heute Abend gehen, weil ich ab morgen im Ausland arbeite.“

„Klar. Wenn du ein Hotel in meiner Stadt im Zentrum buchst, dann ist das heute noch möglich.“

„Cool. Ab wann kannst du?“

„Ab 17 Uhr.“

„Dann schau ich mal nach einem Hotel … ist Hotel xy in Ordnung?“

„Das liegt nicht mehr im Zentrum.“

„Und das hier?“

„Ja, das passt.“

„Okay. Dann buche ich das jetzt. Treffen wir uns dann dort um 17 Uhr?“

„Ja, okay.“

„Wie treffen wir uns?“

„Was meinst du mit wie? Du buchst jetzt das Hotel und schickst mir die Buchungsbestätigung. Dann telefonieren wir. Dann checkst du vor 17 Uhr ein und schickst mir ein Foto von der Schlüsselkarte mit erkennbarer Nummer. Dann stehe ich um 17 Uhr vor der Hotelzimmertür, hinter der du auf mich wartest.“

„Ok. Dann buch ich jetzt.“

10 Minuten später.

„Vergiss es. Ist mir zu kompliziert.“

 

Und wieder mal einen Fakedater auf frischer Tat ertappt.

Manchmal weine ich …

Nein, nicht weil die Männer mich schlecht behandeln oder ich zu viel von diesem Job habe.

Manchmal weine ich, weil die Männer dumm sind und es nicht schaffen, meine Anzeige richtig zu lesen und richtig darauf zu reagieren.

Wie bei manch anderen Frauen steht in meiner Anzeige einiges drin. Einiges zu mir. Einiges zu meinem Angebot. Und einiges zu den Infos, die ich benötige, um ein Treffen auszumachen.

Gar nicht mal so viel. Nicht mal ein Foto will ich. Nur die grundsätzlichen Informationen.

Wer?

Was?

Wo?

Wann?

Wie lang?

Einfach oder?

Beim Friseur sage ich das doch auch direkt, wenn ich anrufe.

Hallo, Anna hier. Ich würde gerne einen Termin zum Haare schneiden bei Ihnen machen. Morgen Nachmittag um 17 Uhr. Ja, nur Schneiden. Mehr nicht. Danke.“

 

Eine richtige Anfrage würde demnach so aussehen:

„Hallo, Peter hier. Ich würde gerne einen Termin mit dir machen. Ich bin morgen Abend im Hotel xy in Stadt sowieso. Ab 20 Uhr habe ich Zeit für dich. Gerne hätte ich klassischen Gf6 mit dir. Für zwei Stunden. Danke.“

Meistens kommt aber so etwas dabei raus:

Geiler Arsch. Wann hast du Zeit?“

Das wäre wie wenn ich beim Friseur anrufe und sage „geile Schere. Habt ihr morgen auf?“

Ja, auf haben sie wahrscheinlich schon. Nur ohne konkrete Anfrage kann der Friseur auch keinen Termin mit dem Anrufer machen und kann demnach nichts mit der Anfrage anstellen.

Auch ich habe mal Zeit, aber bestimmt nicht dann, wenn der potentielle Kunde ebenfalls verfügbar ist. Also wäre es gut, direkt am Anfang zu wissen, ob er sich in einem Hotel aufhält oder eh in der Gegend wohnt. Und dann geht das so weiter. Ich stelle 4 Fragen und bekomme eine beantwortet. Übrig bleiben 3. Dann 2 und dann eine. Und am Ende habe ich 30 Minuten dafür aufgebracht, nur um zu erfahren, dass der Kunde nur heute an meiner Stadt mit dem Auto vorbeigefahren ist und sich dachte, dass er bei dem Bild zumindest mal kurz nachfragen muss, ob ich genau jetzt Zeit habe.

Scheiße, oder?

Und deswegen weine ich manchmal.